Weil dieses wohlkomponierte Debut unglaublich reif kling – und das ist leider auch der Haken: Wer verhindert, dass diese Gruppe in vier Jahren die übernächsten U2 werden und nur noch Stadionrock machen?
(Auf der Myspace-Seite der Band gibt es das noch schönere – und etwas längere – Stück “Tie Me Up With Jackets”: “So tie me up with jackets / and fumigate my room / it smells like socks and tastes like apple schnapps / but you can live there too / and we’ll play / lovely noise / lovely noise that makes you love me”)
Verreisen könnte so schön sein, gäbe es nicht den gemeinen Zielortohrwurm. Existiert ein Song zu meinem Reiseziel, spukt er mir während der ganzen Fahrt im Kopf herum.
Das funktioniert besonders zuverlässig bei popkulturell gut erschlossenen Gebieten wie den USA. Zwischenstopp in Memphis? Wenn’s gut lief, Mark Cohn. Wenn es schlecht lief, Scooter. Busfahrt nach New York? Frank Sinatra, natürlich. Mit dem Auto nach Miami? Eine alte TV-Titelmelodie. Aber auch andere Ziele haben Tücken. So zum Beispiel Barceloooona, Dublin oder – dieses Tote-Hosen-Videos wegen – Autofahrten nach Italien. Ganze Kontinente sind schlichtwegverboten, und selbst mit den Himmelsrichtungen ist es kritisch.
Insofern weinen weder Argentinien noch ich, dass ich heute abend doch nicht, wie eigentlich geplant, nach Buenos Aires fliege. Sondern nach Santiago de Chile. Gibt es einen Song dazu? Wenn ja, so hat ihn mein Ohrwurm noch nicht gefunden.
Nicht verreisen hilft übrigens auch nicht. Welches Lied wohl läuft, während ich meinen Kühlschrank entfroste? Die Antwort gibt’s hier.
Das waren jetzt sehr viele sehr schlimme Lieder, deswegen hier noch das bewährte Ohrwurm-Gegenmittel:
Bernd Michael Lade ist Schauspieler. Bekannt wurde er vor allem als sympathischer Teil des mittlerweile pensionierten Kommissarduos Kain und Ehrlicher, deren letzten “Tatort” knapp 8 Millionen Zuschauer sehen wollten.
Lade ist auch Musiker. Zum Konzert seiner Band “Ret Marut” im Cottbuser Gladhouse kamen gestern ca. 80 Leute:
Ret Marut im Gladhouse, Cottbus
Ret Marut spielen “Post-Punk”, ziemlich guten sogar. Sie beherrschen ihre Instrumente, sie können singen, und ihre Texte sind nicht nur nicht peinlich, sie sind zum Teil sogar richtig gut, ideologischer Überbau hin oder her. Gegen das fast leere Gladhouse kamen sie trotzdem nicht an.
Warum das fast niemand sehen wollte? Vielleicht lag es nur daran, dass das Gladhouse kaum Werbung für das Konzert gemacht hat. Womöglich aber fehlt einem bekannten Schauspieler mit rundfunkgebührenfinanzierter Festanstellung einfach die nötige street credibility. Das wäre allerdings schade.
Vor über einem Jahr habe ich gemäkelt, die Musik von The National enthalte zu wenig Bombast. Meine Damen und Herren, lange hat es gedauert, doch hier sind endlich The National plus Bombast, hier sind White Lies:
Das Album ist seit gestern im Handel. Einige Stücke hat die Band bei Myspace veröffentlicht – auf der vermutlich einzigen nicht-hässlichen Bandseite überhaupt dort. Viel Spaß!
Ich bin diesem Augenblick lange aus dem Weg gegangen und war stolz darauf. Wirklich alles habe ich dafür getan und alle Versuchungen gemieden. Fernsehprogramme blieben ungesehen, Radiosender ausgeschaltet. Statt Einkaufsbummel zu machen, habe ich fast alle Geschenke im Internet bestellt (Entschuldige bitte, lieber Cottbuser Einzelhandel). Länger als gedacht war ich erfolgreich. So lang wie noch kein Jahr zuvor.
Doch heute abend, an der Burger-King-Theke, hat es mich hinterrücks überfallen. Die Rede ist von diesem Lied:
Im ersten Semester, dem Wintersemester 1994/1995, bei einer kleinen Party in meinem Plattenbau-Studentenwohnheimzimmer. Wir fühlten uns ungeheuer young, stellten auf Repeat und drehten bei jedem Abspielen ein bisschen lauter. Um vier Uhr nachts klopfte es. Er wohne zwei Stockwerke höher, sagte der Besucher. Nein, zu laut sei die Musik nicht, aber sie würde langsam langweilig. Ob wir wohl was anderes spielen könnten?
Überhaupt wundert es mich, wie duldsam meine Mitbewohner damals gegenüber Lautstärke waren. Jetzt sind meine Nachbarn nachts oft laut, aber bevor ich mich beschweren gehe, denke ich an damals und lasse es fast immer sein. Lieber kaufe ich Ohrstöpsel. Meistens reichen sie aus.
…ein Kind zeugen und ein Beatsteaks-Konzert besuchen: Das sind die Dinge, die ein Mann in seinem Leben getan haben sollte, heißt es. Zählt man die zahlreichen in den letzten Tagen aus dem Fenster gespuckten Kirschkerne als Baum, werde ich die Mission heute abend zur Hälfte erfüllt haben, denn:
Ohne einen einzigen Grand-Prix-Beitrag gesehen oder gehört zu haben, nein, auch nicht den deutschen, weiß ich natürlich, wie der Wettbewerb ausgeht. So habe ich bei dieser kleinen Grand-Prix-Wette gestimmt:
1. Ukraine
2. Russland
3. Serbien
4. Türkei
5. Rumänien
23. Deutschland
24. Spanien
25. Großbritannien
Deutschland: Platz 23
Und nein, ich glaube auchnicht an eine osteuropäische Verschwörung.
Nachtrag: Gar nicht so schlecht, mein Tipp! Ich schwöre: Ich kannte keines der Lieder und habe mir auch keine Prognosen, Wettquoten oder sonstwas angeguckt. So ist es ausgegangen: 1. Russland, 2. Ukraine, 3. Griechenland, 4. Armenien, 5. Norwegen; 23. Deutschland, 23. Polen, 23. Großbritannien. Macht für mich, wenn ich richtig gerechnet habe, 6 Punkte beim Tippspiel. Gähn! Gute Nacht.