Wie ich einmal fast in einer Großkanzlei gelandet wäre

Es war in einer dieser Städte, die wie ein einziges großes Büro aussehen. Eine Großkanzlei hatte zum Vorstellungsgespräch geladen. Warum mich, den Öffentlichrechtler? Sie suchten jemanden für die Inhouse-Beratung bei einer Bundesbehörde, und ich war ihnen empfohlen worden. Der Associate, der bisher alleine damit betraut war, wurde mit dem Arbeitspensum nicht mehr fertig. Nach einem niederschmetternden Assessment-Center-Erlebnis kurz zuvor freute ich mich über die Einladung.

Da saß ich im Foyer, griff mir eine Zeitung und wartete. Ungefähr zehn Minuten dauerte es, dann holte mich ein blasser, nervöser Mittdreißiger ab – der überbelastete Associate. Seine Begrüßung: “Ach, ich sehe, Sie vertreiben sich die Zeit mit der F.A.Z., wie schön. Ich komme ja gar nicht zum Zeitung lesen, höchstens mal im Flugzeug, aber da muss ich auch meistens arbeiten.” Der Mann war ganz offensichtlich ein As im Small-Talk.

Der Märtyrer-Associate führte mich dem Partner vor, der das Sagen hatte, und der, wie ich neulich gelernt habe, “Hiring Partner” heißt. Der war freundlich und gelassen und hatte offensichtlich mehr Zeit. Nach etwa eineinhalb Stunden wurde das Gespräch in einem nahen Restaurant fortgesetzt, den Märtyrer nahmen wir mit. Dort wurde es lockerer, das Gespräch drehte sich um irgendwelche kulturellen Dinge, Bildungsbürger-Blabla. Offenbar wollte mein Gegenüber herausfinden, ob da ein Fachidiot vor ihm saß. So warfen wir uns gegenseitig unser feuilletonistisches Halbwissen an den Kopf und versuchten geistreiche Bemerkungen, gelegentlich unterbrochen vom Märtyrer-Associate, der noch einmal auf seine Arbeitsbelastung aufmerksam machen wollte.

Meine Vorstellung war wohl gut genug. Am Schluss eröffnete mir der Partner, ich hätte ihn überzeugt, er würde meine Einstellung befürworten. Allerdings müsste noch der Partner zustimmen, dem ich dann zugeteilt wäre. Der saß in der Stadt, die manchmal wie ein einziger großer Hundehaufen riecht. Ich vereinbarte einen Termin für die kommende Woche.

Dazu kam es aber nicht mehr. Einen Tag vor dem Termin stellte ich mich bei jenem Arbeitgeber vor, bei dem ich heute beschäftigt bin, und wurde eingestellt. Der Großkanzlei sagte ich ab. Jetzt arbeite ich seit zwei Jahren an einer Universität, bekomme sehr viel weniger Geld, habe sehr viel mehr Zeit, lebe in Frieden mit meinen Kollegen und feile an meinem wissenschaftlichen Ruf. Natürlich kann ich verstehen, dass sich jemand anders entscheidet, vielleicht des Geldes wegen, vielleicht, weil er sich bessere Arbeitsbedingungen erhofft: Eine Sekretärin, ein schickes Arbeitszimmer, einen vollen Kühlschrank im Büro! Ich habe andere Prioritäten. Meine Absage habe ich nicht bereut.

2 Responses to Wie ich einmal fast in einer Großkanzlei gelandet wäre

  1. scheiloranch says:

    Was für ein Glück für uns alle!

    Gruß von der Scheilo-Ranch

  2. AH says:

    Darf ich um ein paar Details per Mail bitten?

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