Konsensregel, Konfliktausnahme

Kompositionen sind die Tüllschleifchen der deutschen Sprache. Die Möglichkeit, mehrere Begriffe in einem Wort zu kombinieren, gebiert Schönheiten wie Augenblick, Schadenfreude oder Auslegeware, aber auch Ungeheuer wie Netzausscheidungsziffer oder Nassauskiesung. Besonders wir Juristen haben da einige Sünden begangen.

Eine Variante der Komposition ist die Determination: Das erste Wort (“Kopf”) bestimmt den Charakter des zweiten Wortes (“Kern”). Ein Beispiel: Ein Haus ist ein ein-, zwei- oder dreistöckiges Gebäude, in dem Menschen wohnen. Ein besonders hohes Haus ist ein Hochhaus, ein Haus für Autos ist ein Parkhaus. Der “Kern” wird durch den “Kopf” etwas Besonderes.

Und jetzt betrachten wir eine Meldung von SPIEGELOnline:

Huber hatte sich am Samstag auf einem Parteitag in München in einer Kampfabstimmung um den Parteivorsitz gegen Bundesagrarminister Horst Seehofer und die Fürther Landrätin Gabriele Pauli klar durchgesetzt.

Es war keine Abstimmung, es war eine Kampfabstimmung. Der Antritt zweier Gegenkandidaten war außergewöhnlich und brauchte besondere Betonung. Normalerweise beschließen Parteitage nämlich nach Art der DDR. So zeigt unsere Sprache, wie kuschelig wir dort sind, wo wir es eigentlich nicht sein sollten: Kampfkandidatur, Konfliktverteidigung, Fundamentalopposition. Der Konsens ist die Regel. Der Konflikt ist die Ausnahme. Nicht nur bei SPIEGELOnline.

Bonustrack: Das längste nicht zusammengesetzte deutsche Wort ist Unprämonstratenserinnenschaftlichkeit (Quelle: irgendwo im Internet).

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