“Wir schließen gleich”

Früher spielten wir oft “Errate die Geschichte”: Einer erzählt eine kurze, rätselhafte Begebenheit, die anderen müssen das Drumherum erraten. Dazu dürfen sie Ja-Nein-Fragen stellen. Eine dieser Geschichten ging so:

“Ein Mann rennt durch einen Gang und hält einen Zettel in der Hand. Das elektrische Licht im Gang erlischt kurz und geht dann wieder an. Der Mann bleibt stehen. Warum?”

Die Lösung: Der Gang ist ein Todestrakt im Gefängnis, der Zettel ein Begnadigungsschreiben, mit dem der Läufer in letzter Minute ein Hinrichtungskommando stoppen soll. Das Licht geht aus, weil der elekrische Stuhl in Betrieb gesetzt wird und das Stromnetz überlastet. Da erkennt der Läufer: “Es ist zu spät!” – deshalb bleibt er stehen.

Tödlicher Ernst wurde diese Szene am 25. September für Michael Richard. Er war im Jahr 1986 in Texas wegen Vergewaltigung und Mordes zum Tode verurteilt worden und sollte an diesem Abend mit der Giftspritze hingerichtet werden. Am Morgen dieses Tages aber hatte der Supreme Court beschlossen, demnächst erneut darüber zu entscheiden, ob die Todesstrafe durch Giftinjektion der Verfassung entspricht. Richards Anwälte sahen darin eine Chance zur Aussetzung der Hinrichtung und bereiteten einen entsprechenden Antrag an das zuständige texanische Gericht (Texas Court Of Criminal Appeals) vor. Das dauerte… und dauerte… und dauerte wegen eines Computerproblems (“computer malfunction”) bis 16:50 Uhr, und weil das Gericht um 17:00 Uhr schließen sollte, griffen die Anwälte zum Telefon. Sie baten das Gericht, 20 Minuten länger zu bleiben. Die unfassbare Antwort des Gerichtsbüros:

“We close at 5:00.”

Der daraufhin angerufene Supreme Court in Washington war zwar noch im Büro, sah sich aber ebenfalls nicht in der Lage, weiterzuhelfen: Der Fall müsse zuerst vor einem örtlichen Gericht verhandelt werden. Um 20:23 Uhr wurde Richards getötet.

Niemand sonst wurde seit dem 25. September hingerichtet. Drei anstehende Hinrichtungen in Alabama und Texas wurden zunächst ausgesetzt. Die jüngste Aussetzungsentscheidung traf der Texas Court Of Criminal Appeals selbst, was den Fall besonders tragisch macht: Wäre der Antrag entgegengenommen worden, Richards wäre noch am Leben.

Ein Merkmal des Rechtsstaates ist die Möglichkeit, behördliche Entscheidungen auf ihre Rechtmäßigkeit zu überprüfen. Begeht ein staatliches Organ einen Fehler, muss es möglich sein, diese Entscheidung zu überprüfen und aufzuheben. Die Todesstrafe ist ein Feind dieses Mechanismus. Einmal vollstreckt, lässt sie sich nicht wieder rückgängig machen. Kein Geld und kein Arzt der Welt kann die “pünktliche Schließung” des Gerichts korrigieren. Und selbst wenn das Verhalten des Gerichts rechtlich korrekt war oder man den Anwälten ein Mitverschulden unterstellt – die Unmenschlichkeit, zu der staatliche Bedienstete offensichtlich in der Lage sind, ist erschreckend.

Ein guter Grund, den Staat über das Leben seiner Bürger nicht richten zu lassen. Ein guter Grund gegen die Todesstrafe.

(Quelle: AFP-Meldung von heute)

Siehe auch: Boston Legal: 1×17 – Death Be Not Proud (Auszug) Video leider nicht mehr verfügbar
Vorher in diesem Blog
: Don’t mess with Texas

2 Responses to “Wir schließen gleich”

  1. Franco says:

    Es ist für mich immer wieder interessant zu sehen, dass gute Menschen sich für Mörder und Vergewaltiger einsetzen.

    Michael Richard hat ein Verbrechen begangen, für das in dem Land, dessen Gesetzen er unterfällt, die Todesstrafe vorgesehen ist. Er wurde von einem Gericht verurteilt und dieses Urteil wurde vollstreckt. Ich finde das rechtsstaatlich.

    Zwar will der Supreme Court darüber befinden, ob die Vollstreckung der Todesstrafe durch die Giftspritze der Verfassung entspricht. Aber aufgemerkt: es geht dabei nicht um die Todesstrafe als solche, sondern allein um das Mittel der Vollstreckung. Soll heißen: Michael Richard wäre in jedem Fall hinzurichten gewesen.

    Ach ja, er hätte übrigens seine Hinrichtung tatsächlich verhindern können. Dazu hätte er lediglich niemenden vergewaltigen und ermorden müssen. Den meisten von uns gelingt das ganz gut.

  2. Bernie says:

    “Michael Richard wäre in jedem Fall hinzurichten gewesen.”

    Ja, aber es kann sein, dass der SC feststellt: Mit der Giftspritze geht es so nicht. Für Richard käme diese Erkenntnis zu spät. Er wäre “grausam und ungewöhnlich” bestraft worden. Auch wer die Todesstrafe befürwortet, sollte sich daran stören. Schließlich geht es hier nicht um Mitleid, sondern darum, dass der Staat sich an bestimmte Regeln hält.

    Die meisten Entscheidungen des Staates lassen sich revidieren oder zumindest kompensieren – bei einer Entscheidung über Leben und Tod ist das nicht möglich. Da ist es zumindest befremdlich, dass möglicherweise der pünktliche Feierabend eines Gerichtsbürovorstehers darüber entscheidet, ob der Staat einen Bürger “grausam” behandelt oder nicht. Richards Schicksal mag man gleichgültig gegenüberstehen, aber diese Endgültigkeit der Todesstrafe ist auch fatal für jene, die unerkannt unschuldig hingerichtet werden. Man muss sich nicht “für Mörder und Vergewaltiger einsetzen”, um das falsch zu finden.

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