Die Esra-Entscheidung

Können Sie den Titel eines pornografischen Romans nennen? 67 % aller Juristen beantworten diese Frage ohne Zögern mit einem schallenden “Josefine Mutzenbacher“. Das Bundesverfassungsgericht hat dieses Buch 1990 in Juristenkreisen unsterblich gemacht, als es entschied: Auch Pornographie kann Kunst sein! Der “Mutzenbacher”-Beschluss hat seitdem Generationen von Studienanfängern neugierig gemacht. Bei Amazon kostet das Buch knapp fünf Euro. Viel Spaß.

Maxim Billers “Esra”, das neueste mit verfassungsgerichtlichen Weihen ausgestattete Buch, gibt es nur noch bei eBay, und es ist dort ein bisschen teurer. Bei Amazon ist es derzeit nicht verfügbar. Biller erzählt von Esra und Lale, die sich leicht als seine ehemalige Freundin und deren Mutter identifizieren lassen – jedenfalls behaupten das alle, die das Werk gelesen haben, und vor allem behaupten dies Freundin und Mutter selbst. Sie wehrten sich gerichtlich gegen die Veröffentlichung und bekamen in letzter Instanz vor dem BGH Recht (PDF). Dagegen erhob Billers Verlag Verfassungsbeschwerde, die am vergangenen Freitag entschieden wurde (1 BvR 1783/05). Wieder einmal kam es zum Showdown zwischen Kunstfreiheit (Art. 5 Abs. 3 GG) und allgemeinem Persönlichkeitsrecht (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG).

Das Ergebnis ist ein Unentschieden.

Bei Mutter “Lale” siegte die Kunstfreiheit. Es reiche für ein Verbot nicht aus, so das Gericht, dass das reale Vorbild für “Lale” im Roman erkennbar sei, auch wenn die Romanfigur negative Züge aufweise: “Ein solches Verständnis des Rechts am eigenen Lebensbild würde der Kunstfreiheit nicht gerecht.” Hinzukommen müsse “jedenfalls der Nachweis, dass dem Leser vom Autor nahegelegt wird, bestimmte Teile der Schilderung als tatsächlich geschehen anzusehen, und dass gerade diese Teile eine Persönlichkeitsrechtsverletzung darstellen”. Die Kunstfreiheit erfordere, “zunächst einmal von der Fiktionalität des Textes auszugehen” (Abs. 99). “Lale” muss sich also gefallen lassen, dass sie, wie der BGH festgestellt hat,…

“…als eine depressive, psychisch kranke Alkoholikerin geschildert [wird], als eine Frau, die ihre Tochter und ihre Familie tyrannisiert, herrisch und streitsüchtig ist, ihre Kinder vernachlässigt hat, das Preisgeld in ihr bankrottes Hotel gesteckt hat, ihren Eltern Land gestohlen und die Mafia auf sie gehetzt hat, gegen den Goldabbau nur gekämpft hat, weil auf ihrem eigenen ergaunerten Grundstück kein Gold zu finden war, eine hohe Brandschutzversicherung abgeschlossen hat, bevor ihr Hotel in Flammen aufging, ihre Tochter zur Abtreibung gedrängt hat, von ihrem ersten Mann betrogen und von ihrem ebenfalls alkoholsüchtigen zweiten Mann geschlagen worden ist.”

Für den Ausgleich sorgt “Esra”. Ihr Persönlichkeitsrecht sei höher zu gewichten als die Kunstfreiheit, so das Gericht. Die Schilderungen beträfen ihre Intimsphäre, die nach der Rechtsprechung des BVerfG besonders geschützt ist, weil sie zum absolut geschützten “Menschenwürdekern” des Persönlichkeitsrechts gehört. “Esra” müsse es nicht hinnehmen, “dass sich Leser die durch den Roman nahegelegte Frage stellen, ob sich die dort berichteten Geschehnisse auch in der Realität zugetragen haben” (Abs. 102). Wer das mit den “Geschehnissen” genauer wissen will, wird allerdings enttäuscht, denn das BVerfG schildert sie nur sehr knapp und nüchtern:

“Die Romanfigur der Esra wird als eine von dem Willen ihrer Mutter abhängige, unselbständige Frau geschildert, die in der zuletzt angegriffenen Version des Romans den „Fritz-Lang-Preis“ für eine Filmrolle gewonnen hat. Die Beziehung zu dem Ich-Erzähler ist durch einen fortdauernden Wechsel von Zuneigung und Ablehnung und die enttäuschte Liebe des Ich-Erzählers gekennzeichnet. Sie ist deshalb zum Scheitern verurteilt, weil sich Esra nicht aus der Umklammerung durch ihre Mutter, ihre schwerkranke Tochter Ayla und den Vater ihrer Tochter lösen kann. Die Beziehung des Ich-Erzählers zur Romanfigur Esra wird auf verschiedenen Ebenen unter Brechung der Chronologie durch mehrfache Rückblenden und in zahlreichen Details geschildert. Davon umfasst sind auch Überlegungen Esras darüber, ihr zweites Kind abtreiben zu lassen, wozu es schließlich nicht kommt, weil sie – so legen es Überlegungen des Ich-Erzählers nahe – dieses Kind anstelle ihrer todkranken Tochter haben möchte. Der Roman enthält an mehreren Stellen die Schilderung sexueller Handlungen zwischen Esra und dem Ich-Erzähler.” (Abs. 8)

An dieser Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts stören mich drei Dinge:

  1. Das “Unentschieden” zwischen Kunstfreiheit und allgemeinem Persönlichkeitsrecht nützt der Kunst gar nichts. Das Buch darf nach wie vor nicht verkauft werden.
  2. Man muss dem BVerfG glauben, dass das Erzählte die Intimsphäre der “Esra” berührt und deshalb dem absoluten Schutz der Menschenwürdegarantie unterliegt. Man kann es aber nicht selbst nachvollziehen. Die entscheidenden “Geschehnisse” werden nicht offenbart. Das ist nachvollziehbar, denn es geht ja gerade darum, dass bestimmte Einblicke in Handeln und Charakter von “Esra” nicht in die Öffentlichkeit gelangen. Ärgerlich ist es dennoch; nicht, weil ich besonders neugierig wäre, sondern weil die Einschränkung der Kunstfreiheit eine bessere Begründung verdient hätte.
  3. Das BVerfG hält die unverletzliche Intimsphäre schon dann für betroffen, wenn ein Werk den Leser im Unklaren darüber lässt, ob das Geschilderte nun wahr ist oder erfunden. Dies geht viel zu weit. Kein Autor wird es mehr wagen können, sich reale, erkennbare Vorbilder für seine Figuren zu suchen, wenn er vorhat, diese Figuren Intimes erleben zu lassen. Denn sobald er das tut, wird der Leser darüber nachdenken, wieviel davon wahr ist – und dann ist nach den Maßstäben des BVerfG die Intimsphäre verletzt. Es reicht nicht einmal aus, dass der Autor einen Hinweis (“Disclaimer”) einfügt, dass Übereinstimmungen zwischen dem Erzählten mit realen Personen zufällig sind (Abs. 95). Zu Recht weisen die Richter Hohmann-Dennhardt und Gaier in ihrer abweichenden Meinung zur Esra-Entscheidung darauf hin, dass nach diesen Maßstäben Goethes “Leiden des jungen Werther” hätten womöglich verboten werden müssen (Abs. 117). Das gleiche Schicksal hätte Effi Briest und den Buddenbrooks gedroht, was zumindest die heutigen Deutschschüler gefreut hätte. Wer eine wagemutige Kunst will und nicht nur Gefälligkeitsliteratur, der sollte die Kunstfreiheit ernster nehmen.

4 Responses to Die Esra-Entscheidung

  1. scheiloranch says:

    Hallo Bernie,

    zumindest bezüglich 2. gibst Du ja die Begründung selbst: Wie sollte denn das BVerfG die Persönlichkeitsverletzung der “Esra” (übrigens bei “Fackeln im Sturm” ein Männername) vernünftig begründen, ohne selbst eine zu begehen?

    Schöne Grüße, CU am Wochenende!

    Scheilo

  2. Bernie says:

    Ja, aber kann es die Verletzung bejahen, ohne sie zu begründen? (Ja, es kann. Sollte es? Nein. Da wäre etwas mehr Begründung drin gewesen, ohne das Persönlichkeitsrecht der Klägerin zu verletzen.)

  3. m says:

    mal ein blog, der sich auch mit esra beschäftigt! lang hab ich gesucht. und nicht nur nach dem blog, auch nach der möglichkeit eines austausches darüber. weil ich hier keine email- und kontaktdaten gefunden habe, wäre ich erfreut, wenn sie, lieber bernie, mich kontaktieren würden. vielen dank. freundliche grüße, m.

  4. Tobias says:

    Na mit der Entscheidung im Hinterkopf hätte Charles Bukowski kein einziges Buch veröffentlichen können!

    Naja immerhin ist der a) tot und b) Amerikaner

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: