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Frank Schirrmacher hat Recht: Das Internet ist schlecht. Es ist viel zu blutrünstig, viel zu schnell und vor allem ist es keine Zeitung. Was noch viel schlimmer ist: Das Internet ist schuld, dass ich jetzt noch im Büro sitzen muss.

Heute, mit OPACs, juris und beck-online, ist juristisches Schreiben anstrengend geworden. Legionen juristischer Zeitschriften, Tausende von Gerichtsurteilen, hunderte von Monografien zum Thema wollen recherchiert, verifiziert und schließlich zitiert werden. Natürlich ist es toll, auf Tastendruck eine Riesenauswahl passender Literatur zu einem Suchbegriff präsentiert zu bekommen. Nur ist es viel Arbeit, das alles auszuwerten.

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Und es nervt, dabei immer mehr Abhandlungen lesen zu müssen, die keinen einzigen eigenen Gedanken enthalten. Das Zitat ersetzt die Reflexion: Alles bisher veröffentlichte Material wird zusammengetragen und zu einem schönen Haufen aufgeschichtet. Das ist alles, mehr passiert nicht. Zitiert wird so ein Beitrag trotzdem überall, denn laut juris ist er der aktuellste zum Thema. Und hinter jedem Satz steht eine Fußnote. Ein Verfasser, der eine eigene Idee hat, gar eine eigene Lösung für ein Problem, wirkt da schnell unglaubwürdig: Bestimmt hat schon jemand etwas Ähnliches behauptet! Also schaut er lieber noch mal in die Datenbanken – und macht eine Quellenangabe ans Satzende. Auch wenn sie inhaltlich nur ungefähr passt. Sicher ist sicher.

Die Habilitationsschrift von Jesch, erstmals veröffentlicht im Jahr 1961, hatte 258 Seiten, heute knapp ausreichend für eine Doktorarbeit. Von Fußnoten über weite Strecken keine Spur. Trotzdem wird Jesch mit seinem Werk heute noch zitiert, weil seine Lehre vom Totalvorbehalt des Gesetzes außer ihm kaum jemand vertritt. So macht man es richtig: Statt riesengroßer Fundstellenberge hinterlässt man einen schmalen kontroversen Text, dessen Existenz als meinungsstreitlicher Prügelknabe in juristischen Hausarbeiten für die nächsten 75 Jahre gesichert ist. Man muss nur einen wohlgesonnenen Doktorva…

Bitte entschuldigt mich nun, ich muss weiterarbeiten, sonst schließt sich das Juris-Fenster wieder.

Für die Blindzitierenwoller, die über Google hier hereingestolpert sind: Die Lehre vom Totalvorbehalt des Gesetzes steht bei Jesch, Gesetz und Verwaltung, 2. Auflage, Tübingen 1968, S. 175ff. Ich hab’s nachgesehen. Ehrlich. Ihr könnt mir vertrauen. Ganz bestimmt.

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