A Walk in the Park

Ich war im Theater. Ich habe gelacht. Ich hatte Gänsehaut. Ich habe gelitten. Ich hatte Tränen in den Augen. Es war großartig.

So häufig ich mich für gutes Essen begeistern kann, so selten beeindruckt mich Schauspiel. Es gibt gerade mal eine Handvoll Filme, die mir für alle Zeiten ins Gedächtnis eingebrannt sind und die ich nie wieder vergessen werde, und noch weniger solche Theaterstücke. Das liegt einerseits daran, dass ich sehr viel mehr Filme als Schauspielaufführungen gesehen habe, aber auch am allzu prätentiösen modernen Regietheater: Die Schauspieler sprechen zu laut und nehmen sich zu wichtig, sie pressen ihre Sätze heraus als legten sie Eier, wälzen sich hin und her und torkeln durcheinander oder aber stehen apathisch umher und demonstrieren die “große Leere”. Als Zuschauer spürt man die Botschaft, aber hat keine Lust, ihrem Inhalt nachzuforschen. So geht es mir häufig – nicht immer! – im Theater.

Gestern war es anders. Ich war im “bat Studiotheater”, gegeben wurde “A Walk in the Park”, geschrieben und inszeniert von Studentinnen und Studenten der HfS Ernst Busch. Die Beschreibung versprach “ein surreales Park-Stück mit Live-Musik” – das klingt nach wirren Monologen und wüster Akrobatik. Aber mitnichten! Die Texte sind ohne Weiteres nachvollziehbar, die Handlungen auch. Was dem Zuschauer überlassen wird, ist die Suche nach dem Zusammenhang, nach dem Sinn des Ganzen. Dabei ist das Stück so gut inszeniert und gespielt, dass man mit dieser Suche nicht mehr aufhören kann. Oder will.

Der Rahmen: Apoll, ein gegelter Anzugträger zwischen Gockel und Kleinganove (Kai Diekmann, anyone?), errichtet einen Park, in dem sich alsbald bedauernswerte Neuzeit-Gestalten tummeln: Ein umhertorkelnder Trinker, ein städtischer Müllaufsammler, ein optimismusheuchelnder Handy-Man und eine verkrampfte Volksbefragerin. Dazwischen Midas, der weltentrückte Schöngeist, und vor allem der kleine bärtige Pan, der die anderen anzustiften versucht – zur Unvernunft, zur Verrücktheit, zum Ausbruch. Was dann folgt, ist das Ringen zwischen Pan (Chaos) und Apoll (Ordnung?) um den Einfluss auf diese Menschen. Mehr verrate ich hier nicht. Nur eines noch: Das Stück lehnt sich an den musikalischen Wettstreit zwischen Apoll und Pan in Ovids “Metamorphosen” an. Das muss man allerdings nicht unbedingt wissen, um das Stück verstehen zu können – und um sich davon gefangen nehmen zu lassen. Ich war von einigen Szenen so beeindruckt, dass mir der Mund offenstand. Diese Aufführung werde ich nicht vergessen.

Die Schöpfer des Stücks stehen am Anfang ihrer Theaterlaufbahn. Handwerklich merkt man das gar nicht; die Szenen sind gelungen, die Texte treffen und die schauspielerische Leistung ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Man merkt es aber am Schwung und an den Ideen, die dieses Stück tragen. Jede Musik- und Gesangseinlage passt haargenau an ihre Stelle. “Midas” wird von einer Puppe dargestellt, die der Puppenspieler vor sich herträgt – was er so gut macht, dass man ihn hinter seiner Figur kaum noch wahrnimmt. Die Dialoge zitieren alle möglichen Quellen von Merkel bis Nietzsche, und trotzdem bleiben sie flüssig und lebendig. Fesselnd auch der Soloauftritt von Pan, wie er mit Pelzmantel, Perücke, Weinflasche und Zigarette eine niederschmetternde Variante der Schlussszene aus dem “Sommernachtstraum” gibt. Und so weiter, und so fort. Wie man hört, sind viele Ideen erst kurz vor der Aufführung eingebaut worden, was ich besonders erstaunlich finde, so durchdacht, wie alles wirkt.

“A Walk in the Park” läuft bis zum 16. Dezember und dann noch einmal am 20. Januar. Ich habe gehört, es wird zusätzliche Aufführungen geben, wenn die Zuschauerzahlen stimmen. Gestern war der (nicht sehr große) Saal zu 2/3 gefüllt – das reicht vielleicht nicht. Also, liebe Berliner, schaut es euch an! Der Eintrittspreis: 8 Euro, ermäßigt 3 Euro 50.

Um ganz zum Schluss noch einmal den Bogen zu den Rechtswissenschaften zu schlagen: Juristen glauben Kunst unter anderem daran zu erkennen, “daß es wegen der Mannigfaltigkeit ihres Aussagegehalts möglich ist, der Darstellung im Wege einer fortgesetzten Interpretation immer weiterreichende Bedeutungen zu entnehmen, so daß sich eine praktisch unerschöpfliche, vielstufige Informationsvermittlung ergibt” (BVerfGE 67, 213ff., 227). Mag schon sein, aber an diese spröden Worte immer denken zu müssen, ob im Museum, im Kino oder mitten in einer grandiosen Theateraufführung: Das ist unser Fluch.

One Response to A Walk in the Park

  1. Christian Smetana says:

    Wer auch immer diese Kritik des Abends geschrieben hat, tausendmal sei ihm im Namen aller Beteiligter gedankt.
    Nicht nur weil die Beurteilung so positiv ausgefallen ist – was mich natürlich ungemein freut – sondern vor allem sei ihm überhaupt für seine Reaktion gedankt!
    Denn aus keinem anderen Grund machen wir doch so ein Theaterstück…um eine Geschichte zu erzählen…und wenn es auf diese Geschichten Reaktionen gibt, dann bereitet einem das eine unglaubliche Freude!
    Vielen Dank!
    Christian

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