2012: Archen bauen, alle Klischees mitnehmen

12. December 2009

Ja, es stimmt: Die Effekte sind fantastisch. Alles stürzt zusammen, explodiert, zerkocht in heißer Lava, verschwindet in tiefen Rissen, und der Rest versinkt am Schluss in gigantischen Flutwellen. Nichts bleibt übrig, nur ein paar Menschen, vierhunderttausend etwa, die von dieser Katastrophe vorher wussten, ihr Wissen aber geheim hielten und in Windeseile gigantische Rettungsboote bauen ließen: Staatsoberhäupter, hohe Beamte, ausgewählte “Wissenschaftler und Künstler” und einige Milliardäre, die den ganzen Spaß bezahlt haben. Mit an Bord sind einige Kunstwerke und Tierarten. Man weiß ja nie.

Großartig auch, zum Teil, die Bildsprache: Im Himalaya-Hochgebirge baumeln Giraffen und Elefanten an Hubschrauberseilen ihrer Verschiffung entgegen, das Weiße Haus wird bei einer Flutwelle unter dem Flugzeugträger “U.S.S. Kennedy” begraben, und die Erläuterung des geologischen Phänomens “Erdkrustenverschiebung” übernimmt im Film kein gewichtiger Wissenschaftlerstab vor einer Batterie riesiger Flatscreen-Monitore und Terminals, sondern eine liebevoll zurechtgestümperte Flash-Animation.

Häufig, allzu häufig aber steckt der Film mit dem Arm bis zur Schulter im Klischeefass. Wo verläuft der erste Riss, bevor die Sixtinische Kapelle in Rom einstürzt? Genau: Exakt zwischen den berühmten Fingerspitzen. Wo wohnt der Verschwörungstheoretiker, der alles vorher gewusst hat? In einem vollgemüllten Wohnwagen. Überhaupt, die handelnden Personen: Jede einzelne Figur verdient den Präfix “Klischee-“. Es treten auf: Der Klischee-Russe (Milliardär, Ex-Boxer, rüpelhaft) mit seiner Klischee-Freundin (blond, schönheitsoperiert, mit Schoßhündchen) und zwei Klischee-Söhnen (aus erster Ehe, dick, verzogen), der Klischee-Präsident (edel, tüchtig, selbstlos) und sein Klischee-Stabschef (arrogant, zynisch, herzlos), ein Klischee-Wissenschaftler (bebrillt, gutaussehend, idealistisch), und, als Hauptfiguren, eine komplette Klischee-Scheidungsfamilie. Abziehbilder, allesamt, zum Mitfiebern untauglich. Unwillkürlich sucht man die bombastischen Szenen nach interessanteren Geschichten ab, findet aber keine. Nur Staffage, Menschenpuppen.

Also ergötzt man sich an den gigantischen Effektorgien, an der Zerstörungslust und an den durchchoreographierten Flucht- und Rettungsszenen. Verzeihlich, dass Risse im Boden und kollabierende Gebäude die Protagonisten grundsätzlich von hinten überfallen, als wäre der Weltuntergang kein Naturereignis, sondern ein sadistischer Schurke. Das ergibt zwar keinen Sinn, aber wunderschöne Verfolgungsjagden: Im Rücken der fliehenden Helden reißt krachend die Erde auf. Der ganze Film ist ein ungemein aufwändiger CGI-Porno – viel fürs Auge, nix fürs Hirn.

Wenn nach zweieinhalb Stunden dann alles vorbei ist und der scheußlichste Abspann-Song seit “Titanic” läuft, reift die Erkenntnis, dass der falsche Film gedreht wurde. Und man lieber 2011 oder 2013 gesehen hätte. In 2011 könnte verhandelt werden, wie sich die Menschheit auf einen Weltuntergang vorbereitet: Ist es legitim, 99,9 % der Erdbevölkerung im Ungewissen zu lassen? Ist es überhaupt möglich? Ist es zu ertragen? 2013 könnte zeigen, wie eine Restmenschheit eine neue Zivilisation errichtet. Wie sorgt man für Ordnung, wie verhindert man das Chaos? Wer erringt die Macht? Für diese Filme bräuchte man allerdings nicht nur CGI und tolle Bilder; man bräuchte gute Geschichten, ausgeklügelte Charaktere und den Willen, das Publikum nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu interessieren, gar zu irritieren. Für diese Filme bräuchte man also einen anderen Regisseur als Roland Emmerich.


“Parents Guide”-Ratespiel

19. November 2008

Die Internet Movie Database (IMDb) ist eine umfangreiche Filmdatenbank im Internet. Zu einigen Filmen haben die Benutzer einen “Parents Guide” zusammengetragen, der erläutert, warum der Film für Kinder und Jugendliche ungeeignet sein könnte. Hier ein paar Beispiele.

Und jetzt das Ratespiel. Welcher Film verbirgt sich hinter diesem Parents Guide? Googeln verboten!

A YouTube video shows […]’s buttocks.
There are some innuendos, as well as an almost-kiss between and a man and somebody else’s wife.
Jail scene 2 men are seen barechested.
Fighting and violence throughout.
Near the end, […] gets shot repeatedly. Blood is shown.
[…] gets stabbed. No blood is shown
It is implied that […] shoves a man’s head up another man’s rectum.
A man’s hands get cut off twice off-screen.
Ass and Asshole are used throughout
About 2 “bitches”
About 6 “shits”
1 f-word
a few uttered damns and hells
[…] drinks throughout
A man gets intoxicated after dinner

Kleiner Tipp: “[…]” ist jeweils dieselbe Person.


The Simpsons Movie

27. August 2007

“Jeder Gag im Film hat sich seinen Platz in Testvorführungen redlich verdient. Was nicht ankam, wurde gnadenlos herausgeschnitten.”

Al Jean im SPIEGEL 27/2007, S. 142.

Da hat er leider Recht.

Zugegeben, ich habe mich gut amüsiert. Viele Gags sind wirklich lustig, die Story ist spannend und schlüssig und nicht nur ein Witz-Vehikel, die Technik tut ihr Bestes. Dass der Film in 2D daherkommt, schadet ihm nicht, im Gegenteil. Es ist ein richtig guter Film.

Es ist aber kein richtig guter Simpsons-Film. Ihm fehlt das Simpsons-Gen: Die typische Mischung aus Anarchie, Biss und Moral. Weil er ein Blockbuster werden soll, hat man ihn in endlosen Testvorführungen rundgelutscht. Unter allen Simpsons-Geschichten ist er der Gottschalk, das Formatradio, das Krombacher: mehrheitsfähig, geglättet, beliebig. Von der bezaubernden Gesellschaftskritik der besten Simpsons-Folgen ist nicht viel übrig. Die Film-Simpsons haben sich ins Private zurückgezogen.

Last Exit To Springfield, Mr. Lisa Goes To Washington, Marge vs. the Monorail oder Homerpalooza: Wer sich von den Simpsons überraschen, schockieren, irritieren und verarschen lassen will, wer etwas sehen will, das seinen Blick auf die Dinge für immer verändert – der sollte den Film vergessen und die Serie schauen.